Cheremosh – Fluss und Festival

Wir setzen unsere Berichterstattung über die Ökologie in der Ukraine fort und hierbei ist es notwendig eines der größten Öko-Kunstfestivals in der Westukraine zu erwähnen. Das Festival war viele Jahre lang sehr beliebt, bis es irgendwann eingestampft wurde. Die Organisatoren weigerten sich das Event weiterhin abzuhalten, wenn doch immer mehr Menschen die Umwelt zunehmend ausbeuten und verschmutzen, als diese zu würdigen und zu erhalten. Das Hauptziel des Festivals lag darin, die Aufmerksamkeit der Regierung und der Bevölkerung auf die katastrophale Umweltverschmutzung in den Karpaten zu lenken. Das Format war dabei das gleiche, wie das des Karpatsky Protiag, aber mit einem großen Unterschied. Die Teilnehmer sollten ein Bewusstein für die gravierende Verschmutzung der Gebirgsflüsse mitbringen, die meist zu Lasten der Touristen und Einheimischen geht.  Das Festival war unter dem Namen “Cheremosh Fest” bekannt.

Gestartet im Jahr 2013, berichtete der Organisator Andrey Melnychuk mit großer Sorge über die schwierige ökologische Situation in den Karpaten, da er selbst in einem der beliebtesten Orte zum Wandern, Werchowyna, lebte. Er bemerkte, wie Flüsse austrocknen und wie viel Plastik im Wasser herumtrieb. Zu guter letzt, beschloss die lokale Regierung auch noch ein Kraftwerk am Fluss Cheremosh zu bauen. Andrey zeigte sich empört über dieses Vorhaben und kämpfte dagegen an. Er schaffte es den Bau zu stoppen. Er ging vor Gericht, sammelte alle notwendigen Dokumente und das Ergebnis war überraschend. Eine an sich seltene Gegebenheit, vor Gericht zu gewinnen, insbesondere, wenn man gegen Behörden klagt. Das Cheremosh Fest half ihm seine Vision zu erhalten. Leider weiß nicht jeder in der Ukraine, wie wichtig es ist, unsere Natur zu erhalten.

Offizielles “Cheremosh Fest” Logo
Offizielles “Cheremosh Fest” Logo

Cheremosh Musical

Drei Jahre am Stück feierte das Festival seinen Erfolg.

Dieses Event stand bei vielen ganz oben im Kalender, Besucher nahmen sich Urlaubstage und reisten schwer bepackt mit Campingausrüstung aus allen Ecken des Landes an. Das Festival stand unter dem Motto, ohne Elektrizität in der Wildnis zu leben. Ohne Haus, ohne all den Komfort, den man als moderner Mensch gewöhnt ist. Einfache Sanitäranlagen wurden speziell für diese Veranstaltung direkt auf dem Gelände des Festivals errichtet. Und einfach heißt, ein tiefes Loch im Erdboden mit Leichtbauwänden und einem Dachkonstrukt. Musik und Wandern vereint, so das Motto des Festivals.

Kochen am Feuer
Kochen am Feuer

Um genug Platz für die vielen Zelte zu schaffen, haben die Organisatoren im voraus eine immens große Landfläche gesäubert, eine Küche mit offener Feuerstätte konstruiert, wo zudem auch parallel Workshops abgehalten wurden. Verschiedene Leute trafen zusammen und kochten „Kulish“ (traditionelle Suppe, aber in der Pfanne, am offenen Feuer zubereitet). Die Atmosphäre lud dazu ein Gemeinsamtkeiten zu entdecken und einander zu helfen.

Es war unglaublich zu sehen, wie auf einem Fleck jemand Henna-Tattoos zeichnete und direkt daneben, ganz in der Nähe der Bühne, ein Markt Einzug fand – mit dem Verkauf von Honig, Milch, Ziegenkäse und vielen anderen handmade Produkten. Souvenirs aus Holz, Töpferwaren – so ein Format gefiel, denn es vereinte ein Zusammenspiel aus Musik und Essen. Was kann es Schöneres geben, als eine Bergspitze zu erklimmen, Musik zu lauschen und Honig direkt aus der Melone zu schlemmen. Die Organisatoren des Festivals setzten dieses Format für drei Jahre fort. Im Jahr 2013 erlebte das Festival seine Hochphase, verschiedene Bands aus den unterschiedlichsten Städten nahmen am Festival teil. Perkalaba, Rura, Pan Cupets und Koralli aus Iwano-Frankowsk, Hych Orchestra, Burdon, LBB aus Lvov, Zapaska und Folknery aus Kiew, Hutsuly und Roman Kumlyk Capella aus Werchowyna. Sogar eine Band aus der Slowakei – Longital, trat auf der Hauptbühne auf!

Das zweite Jahr des Festivals war musikalisch noch erfolgreicher. Es war inzwischen so populär, dass sogar Bands aus der Ostukraine auftraten. Die Liste der Teilnehmer wurde immer länger: Roman Kumlyk Capella aus Werchowyna, TaRuta, DrymbaDaDzyga, Kozak System und Folknery aus Kiew, Trystavisim aus Uzhhorod, Flit und Koralli aus Ivano-Frankosvk, Chumatsky Shliakh aus Chmelnyzky, Vertex aus Dnijepr. Sogar eine Band mit kanadisch-ukrainischen Wurzeln begeisterte vor Ort – das Lemon Bucket Orchestra / Lemonchiki Project. Die Liste der Teilnehmer zeigt, dass das Festival tatkräftig von vielen Musikern und Künstlern unterstützt wurde. Jeder wollte helfen gemeinsam gegen Umweltprobleme kämpfen. Einige der Musiker engagierten sich auch außerhalb des Festivals aktiv weiter. 2015 hörte man auf der Festivalbühne zum letzten Mal Bands spielen, die hauptsächlich aus der Westukraine sowie aus Kiew kamen. Der Grund dafür war der Krieg im Osten und die sich verändernden Beziehungen zwischen den Menschen.

Cheremosh Fest 2015, Hauptbühne
Cheremosh Fest 2015, Hauptbühne

Im Jahr 2015, nach der Durchführung des Festivals, machte Andrey Melnychuk eine offizielle Bekanntmachung, wo er erklärte, warum das Festival künftig den musikalischen Teil und die Zeltstädte ausschließen sollte. Er zeigte sich insgesamt enttäuscht von dem Verhalten und der Verantwortungslosigkeit der Menschen. Er behauptete, dass die Besucher, anstatt das Festivalgelände zu säubern, noch mehr Müll mitbrachten und sich nicht einmal die Mühe machten, den eigenen Müll wegzuräumen, den sie nach dem Kochen am offenen Feuer hinterließen.

Das Cheremosh Fest wurde seit 2015 nicht mehr als Öko-Kunstfestival durchgeführt.

Menschen bilden

Der Mangel an Musik in den Karpaten bedeutet nicht, dass Andrey die Hoffnung und den Glauben an die Gesellschaft verloren hat. Er hat nie mit seiner pädagogischen und defensiven Arbeit aufgehört. Er macht immer noch auf die Folgen der Industrialisierung und Umweltverschmutzung aufmerksam. Er versucht den Menschen zu erklären, wie wir diese verherenden Konsequenzen gemeinsam verhindern können. Er nutzt soziale Medien, um Bilder von Wanderausflügen und Rafting auf dem Fluss Cheremosh zu zeigen. So können Menschen sehen, wie viel Wasser der Fluss hat und wie wichtig es ist, sich eben um sein Ökosystem zu kümmern. Er führt auch Exkursionen für Ortsfremde durch, ist verheiratet und hat ein Kind, welches ihn beim Wandern oft begleitet.

Verantwortung übernehmen

Wir sind besessen davon, Geld zu verdienen. Und wir sind bereit, jeden Weg zu finden, um so viel wie möglich davon zu verdienen. Genau das passiert in den Karpaten. Die Behörden kommen und gehen. Jeder Vertreter hat seine eigene Vision. Noch immer möchte man in den Bergen ein Kraftwerk bauen, das definitiv zu einer ökologischen Katastrophe führen wird. Jedoch finden sich auch hierfür Befürworter. Es kommt selten vor, dass die lokale Regierung sich wirklich um die Natur kümmert.

Festivals, wie das Cheremosh Fest sollen den Einheimischen und Menschen auf der ganzen Welt zeigen, dass wir selbst für alles verantwortlich sind – für das, was um uns herum passiert.

Es ist überraschend, dass Andrey seine Inspiration nicht verloren hat und der Öffentlichkeit zeigt, wie schön die Karpaten sein können. Bilder gibt es auf seiner offiziellen Webseite. Den Fluss in seiner vollen Stärke erleben. Extremale Videos von Rafting im frühen Frühling, wenn der Schnee noch präsent ist.

Viele Leute kommen nach Werchowyna zum Rafting. Sie genießen es sich ausgelassen auszutoben und, wie man es später oft im sozialen Netzwerk liest, „der Cheremosh macht den Kopf frei“. Diese Leute sind den Instruktoren für solche alltagsfremden Erlebnisse wirklich dankbar. So finden sich auf der offiziellen Facebook-Seite viele lustige Videos von Gruppen, die auf einem Floß den Fluss hinunter paddeln, laut schreien und gemeinsam Spaß haben.

Cheremosh Fest, Rafting
Cheremosh Fest, Rafting

Cheremosh Fest auf Facebook:

https://www.facebook.com/festival.cheremosh/?hc_ref=ARSykLiwBocEwqhlxsfVIAbEwX91eccUn9GFP67mhlYKMExgi29gFJgbSqTlVFNll0U&fref=nf

Cheremosh Fest auf YouTube:

 https://www.youtube.com/channel/UCzNDQTHrj9qy-E4e7i2Zehw/

Es ist wunderbar, dass die Menschen die Möglichkeit haben, im April Gebirgsflüsse zu sehen und dann während der Hauptsaison den gleichen Flüssen noch einmal zu begegnen.. Andere Länder sollten sich das ukrainische Beispiel als Vorbild nehmen und eigene Öko-Festivals starten. Dies könnte der Beginn eines neuen Zeitalters sein, in dem wir sehen, dass die Natur uns erhalten bleibt.