Die Metro in Kiew – interessante Fakten: U-Bahnstationen, die an Museen erinnern und Geistergeschichten

Eine moderne Metropole ohne U-Bahnnetz kann man sich heutzutage nicht mehr vorstellen. Es würde dabei ausreichen die Bahnverbindung nur kurzzeitig zu unterbrechen, um die normale Mobilität einer Stadt zu beeinträchtigen und in ein zeitweiliges Chaos zu verwandeln. Auch Kiew ist hier keine Ausnahme. Die U-Bahn befördert täglich über eine Million Passagiere und trägt den stolzen Titel der Hauptverkehrsader der Stadt. Und nur wenige, die in dieses unterirdische Königreich, unter dem Buchstaben „M“ eintauchen, wissen um die Komplexität der täglichen Arbeit der U-Bahn. Bei aktuellen Themen und Alltagsproblemen bemerken wir die Details oftmals nicht. Unterdessen verbergen die tiefen Kiewer Tunnel viele interessante Fakten und wenig bekannte Geheimnisse.

Metro U-Bahn Kiev

Ein wenig Geschichte vorab

Der erste Prototyp einer modernen U-Bahn erschien 1863 in London, jedoch weilte der Erfolg nicht lange.

Denn nur 27 Jahre später beförderten elektrische Züge die ersten Passagiere unterirdisch, mit mehr oder weniger komfortablen Waggons.

Zuvor erfüllte die Dampflokomotive diese Aufgabe, wo Passagiere in komplett geschlossenen, furchtbaren Waggons befördert wurden. Im Volksmund bekamen die Waggons der Dampfloks den Namen „Psychiatriche“, weil die Innenwände der Waggons aus Sicherheitsgründen weich gepolstert waren, trotz des insgesamt niedrigen Komforts der Waggons an sich.

Die Kiewer U-Bahn entstand fast 100 Jahre nach der Eröffnung der U-Bahn in London und stellte bereits eine sichere und bequeme Art des Personsntransports dar. Berichten zufolge, wurde der Bau einer U-Bahn in Kiew offiziell im Jahr 1884 beschlossen. Aber wegen historischer Ereignisse wurde die Umsetzung des Beschlusses auf spätere, „bessere“ Zeiten verschoben.

Bessere Zeiten kamen schließlich im August 1949, als die Leitung von „Kievmetrostroy“ das Projekt für den Bau einer U-Bahn genehmigte. Im Herbst 1960 wurde die erste U-Bahnlinie eröffnet, die fünf Stationen zählte: vom Bahnhof zum Dnjepr. Heute stellt diese den zentralen Teil der Svyatoshino-Brovary-Linie dar und bedient die ältesten Stationen der Stadt.

In dieser fernen Zeit war die Fahrt mit der U-Bahn gleichbedeutend mit einem Weltraumflug, was damals noch ein ungewöhnliches und seltenes Phänomen war. Die Kiewer U-Bahn war die dritte in der Sowjetunion. Erwachsene und Kinder träumten von einem, U-Bahn zu fahren.

U-Bahnstationen mit Museumscharakter

Die Kiewer Metro verfügt über drei Betriebslinien, deren Länge etwa 70 km beträgt. Drei Linien zählen 52 Stationen mit drei Transfer-Hubs.

Jede Station ist ein echtes Meisterwerk der Konstruktion und ein eigenständiges Stück Geschichte der Stadt. Sie entwickelten sich im Einklang mit der Zeit, verbanden neue Viertel und Wohnviertel, wurden zu einem integralen Bestandteil des städtischen Verkehrssystems. Für jede Station wurden eigene Projekte entwickelt, von denen fast die Hälfte in die Tiefe gehen. Die meisten repräsentieren Mast- und Säulenbauarten.

Besonders erwähnenswert sind die ältesten Stationen der zentralen U-Bahnlinie, die auch „Stationen-Museen“ genannt werden. In den ersten Jahren ihrer Eröffnung wurden diese tatsächlich als Museen besucht. Prächtige Bauten mit Stuck, Mosaik, großen Kronleuchtern und weißen Marmorsäulen verkörperten den Charme wahrer Paläste.

Das Goldene Tor (Zolotye Vorota) zählt dabei zur schönsten U-Bahnstation der Kiewer U-Bahn. Sie gilt als Wahrzeichen der gesamten U-Bahn.

Das Goldene Tor

Ein architektonisches und künstlerisches Denkmal. Laut dem Daily Telegraph Magazine gehört es zu den 20 schönsten U-Bahn-Stationen der Welt.

Das zentrale Foyer des Bahnhofs zeigt die Traditionen der Architektur in Russland. Große Marmorgewölbe bilden Arkaden und werden von niedrigen runden Säulen getragen. Davon sind zahlreiche mit Mosaiken dekoriert, die die Geschichte der Kiewer Rus in chronologischer Reihenfolge darstellen. Kiewer Fürsten, Kathedralen und bekannte kulturelle Persönlichkeiten finden hier Darstellung.

Die Mosaiken wurden von Künstlern in speziellen Bädern zusammengebaut, um diese dann in ihrer fertigen Form unter den Bögen anzubringen. Im Eingangsbereich sind große Mosaiken des Erzengels Michael und von Georg dem Sieger zu sehen. Eine besondere Rolle im zentralen Teil der Lobby spielen zudem massive Kronleuchter aus Bronze, welche den Leuchtern in der Kathedrale von Wladimir ähneln.

Khreshchatyk

„Khreshchatyk“ – eine längliche U-Bahnstation, die einer Allee gleicht.

Sie wird von einer Vielzahl an Marmorpylonen geziert und hat eine ungewöhnliche Dekoration: Majolika-Einsätze mit dem Muster traditioneller ukrainischer Teppichverzierungen. Die Zeichnungen sind oberhalb mit feinen Aluminiumgittern gerahmt, die an Fransen aus Stoff erinnern und das Teppichmotiv vollenden.

Universität

Die U-Bahnstation „Universität“, die dekorativste unter allen Stationen.

Große braune Marmorpylonen, oberhalb mit weißen stuckverzierten Leisten durchzogen, schaffen ein einzigartiges Farbschema. Im zentralen Foyer findet man kleinere Nischen mit Pylonen, auf denen Büsten großer Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft verewigt wurden. Jede Büste kreierte einst ein eigener Bildhauer. Auf der Außenseite der Wand sind dekorative durchbrochene Lüftungsräume aus Gips angebracht.

Platz der Unabhängigkeit

Der Platz der Unabhängigkeit befindet sich direkt unter dem städtischen Hauptplatz von Kiew und ist der erste von drei säulenartigen Stationen. Und damit auch der erste, wo im Wanddekor der Stationen, Marmor verwendet wurde. Marmorsäulen schaffen ein Gefühl der Großzügigkeit, während man auf dekorativen Panos die Geschichte aus vergangenen Sowjetzeiten und sogar die Eroberung des Weltraums studieren kann.

Arsenalnaja

„Arsenalnaya“ ist die einzige Station ohne Lobby, nach dem sogenannten „Londoner Typ“ entwickelt. Außerdem ist es die tiefste U-Bahnstation der Welt: sie liegt auf einer Tiefe von mehr als 105 Metern. Die Station wird von zwei Rolltreppen bedient. Trotz der Tatsache, dass die Station eher schlicht gestaltet ist, wirkt sie prächtig. Deckenleuchten aus Riga, Marmorsäulen und ein glänzender Granitboden sind hier zu bewundern.

Olympiyskiy

Olimpiyskiy ist eine schöne Station, deren Hauptthema, wie der Name verrät, der Sport ist. Verengte Pylonen ähneln Säulen – diese Idee vereinfacht die Bewegung großer Besucherströme. Am Ende der Halle befindet sich, frontal zulaufend, eine große Vertäfelung mit Glasur in rot und blau, welche die olympischen Ringe darstellt. Den Bereich der Ticketshops schmückt ein Flachrelief mit der Thematik Hockey und Fußball. Marmorgraue Wände gleichen den Lichtmangel aus und schaffen ein Gefühl von Dynamik. Das Foyer wird von großen Kronleuchtern, welche die Form von Fahrradrädern nachahmen, beleuchtet.

Dnjepr

„Dnepr“ – die einzige Station der Stadt mit Haltestellen am Dnjepr-Ufer. Darüber hinaus ist es die höchste Station über der Erdoberfläche mit einer Plattformlänge von 125 Metern. Im Gegensatz zu allen anderen Stationen sieht man hier die Kontaktschienen ganz genau. Mit hellblauen Fliesen, gläsernen Überdächern und weißem Naturstein aus der Region Inkerman, fügt sich die Station harmonisch in die Landschaft des Ufers ein.

Geisterstationen

In Kiew kursieren Legenden über eine parallele U-Bahn und sogar über eine Art Zuggeist. Wir sind daher bemüht, Gäste und Bewohner der Hauptstadt zu beruhigen: Der Zuggeist ist nur eine Erfindung, wobei Geisterstationen jedoch tatsächlich existieren. Es gibt sogar zwei von ihnen, und zwar auf der Syretsko-Pecherskaya Linie:

Die erste unter dem Projektnamen „Lvover Brama“ („Lvover Tor“) befindet sich zwischen den Stationen „Lukyanovskaya“ und „Goldenes Tor“. Es ist eine nicht fertiggestellte Station, an der Züge bereits seit mehr als 20 Jahren vorbeirasen. Aufgrund eines Mangels an Besuchern im Jahr 1996, schaffte sie es nicht ein Teil der grünen Linie zu werden und wurde schließlich eingestampft.

Der zweite Grund für den Nichtausbau ist dem Standort verschuldet.

Eine historische Bauweise, enge Gassen und eine hohe Häuserdichte beeinträchtigen die Eröffnung einer U-Bahn-Haltestelle.

Die zweite Geisterstation heißt „Telichka“ und liegt zwischen „Vydubychi“ und „Slavutich“ und ist durch die Überführung der Südbrücke versteckt. Aus diesem Grund für viele Einwohner bis heute unbekannt. Die Station sollte einst zu einer ufernahen Station ausgebaut werden, in einem Gebiet mit vielen dichten Industriegebäuden.

Mit der Zeit gab es hierfür kein begründetes Interesse mehr, keine Nachfrage. So wurde die Station eine Zeit lang als technische Haltestelle genutzt und dann schließlich ganz geschlossen.

Es gibt Infos zu einer weiteren unfertigen Station auf der Pecherskaya Line – unter dem Projektnamen „Herzen“. Geplant wurde, den Besucherstrom der Kiewer Motorradfabrik zu entlasten, zur Vollendung kam es jedoch nie.

Der eingestampfte Tunnel

Nur wenige in Kiew wissen um die Existenz eines „geschlossenen“ Tunnels. Der Tunnelbau war ein Beitrag zum Ausbau der U-Bahn-Linie Syretsko-Pecherskaya. Architekten und Projektingenieure konzipierten zwei Umsteigestationen mit direktem Zugang zu zwei bereits bestehenden Linien.

Beim Bauen gab es Schwierigkeiten mit der Überführung auf die rote Linie. Infolgedessen wurde beschlossen, eine neue Station, ganz weg von den Tunneln, auf der Ebene „Universität“ – „Khreshchatyk“ zu bauen. Die Station wurde gebaut und durch eine neue Verkehrskreuzung an die bestehende Linie angeschlossen. Der alte Tunnel lahm gelegt.

Die U-Bahn: Mythen und Realität

1. „Killer-Gleise“ in der U-Bahn, die elektrisch töten sind glücklicherweise nur eine Horrorgeschichte. Es ist bekannt, dass moderne elektrische Züge von der dritten Schiene angetrieben werden, die sich auf der Höhe der Räder befindet. Durch die speziellen Leiter zu den U-Bahnwaggons wird eine Spannung von ungefähr 825 Volt erzeugt. An sich ist diese Vorstellung für den Menschen beängstigend, aber an den Bahnhöfen ist diese „gefährliche“ Schiene unter den Bahnsteigen versteckt.

2. Die Kiewer U-Bahn bedient drei Depots und mehr als 8000 Angestellte. In jedem der Depots gibt es technische Parks und Waschanlagen für die Waggons. Die Waggons unterziehen sich 2 Mal im Monat einer Komplettwäsche.

3. Schichtende und Triebwagenführerwechsel ist immer um Mitternacht.

Der Zug endet parkend im Depot und der Triebwagenführer nächtigt in speziellen Ruheräumen, einer Art Hotelzimmern für Angestellte.

4. An den Endhaltestellen gibt es keine Wendepunkte.

Um der umgekehrten Richtung zu folgen, steigen die Triebwagenführer auf speziellen Brückenplattformen von einem Ende des Zuges ins andere um.

5. Die U-Bahn kann als eine der sichersten Verkehrsmittel betrachtet werden. Das gesamte System in der Abfertigung von Zügen und Haltestellen ist austomatisiert und verhindert jede Fehlfunktion und Kollision der Züge. An jedem Standort gibt es zulässige Geschwindigkeiten, die der Computer kontrolliert. Bei einem Verstoß gegen technische Vorschriften kommunizieren die Disponenten mit dem Triebwagenführer. In kritischen Situationen hält der Zug sogar von selbst an. Das automatische Bremsen wird z.B. auch ausgeführt, wenn sich ein Zug von einem anderen in einem Abstand von 200 Metern befindet.

6. Die Schrift im Zugwaggon „Nicht gegen die Tür lehnen“ ist aus einem bestimmten Grund da. Tatsache ist, dass sich die Türen im Falle einer technischen Störung während der Fahrt leicht von alleine öffnen können.

7. Die ersten U-Bahnzüge hatten drei Waggons. Seit 1972 bis heute fährt die Kiewer U-Bahn mit fünf Waggons.

Jeder Waggon ist für eine Kapazität von zweihundert Personen ausgelegt.

8. Die Rolltreppe in der U-Bahn bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von etwas weniger als einem Meter pro Sekunde, wobei die Rolltreppenstufen sich in einem Winkel von 30 Grad befinden. Dies ermöglicht es, Aufstiege und Abstiege bequem zu überwinden.

9. Die U-Bahn schläft nie. Nachts wird die Spannung der Stromschienen abgebaut und technische Arbeiten in den Tunneln durchgeführt. Jede Nacht werden Zentimeter für Zentimeter Defekte auf den Gleisen überprüft, welche die Funktionsfähigkeit der Schienen beeinträchtigen können. Von Zeit zu Zeit werden vorbeugend Wartungsarbeiten durchgeführt, Tunnel und Stationen ausgereinigt. Dazu bewegt sich das Personal nachts auf speziellen Draisinen.

10. Die Kiewer U-Bahn kann an sich einen zuverlässigen Luftschutzbunker ersetzen. In den Tunneln gibt es spezielle Aufenthaltsorte für Menschen und ein Notfall-Lebenserhaltungssystem. Die Stationen sind mit einem Lüftungssystem und Metalltüren ausgestattet, die technisch sogar einer nuklearen Explosion standhalten können.

Interessante Fakten

Wussten Sie, dass die Kiewer U-Bahn die höchste Dichte des Zugverkehrs in der Welt hat? Die Züge verkehren mit einem Intervall von nur 90 Sekunden. Der Besucherstrom auf den Hauptlinien in der Rush-Hour zählt mehr als 60 Tausend Menschen. Diese Zahl gleicht der Einwohnerzahl der Stadt Borispol.

Einige weitere interessante Fakten über die Kiewer U-Bahn:

Wenn Sie alle drei Zweige der U-Bahn zu einer einzigen Linie zusammenfassen, wird ihre Gesamtlänge die Ausdehnung der Stadt um 20 km überschreiten.

Mehr als 30 Jahre lang, kostete eine U-Bahnfahrt, unverändert, nur 5 Kopeken.

Die Mechaniker der Kiewer U-Bahn sind ausschließlich männlichen Geschlechts.

An keiner der U-Bahnstationen in Kiew werden Sie öffentliche Mülltonnen sehen. Dies ist auf Sicherheitsmaßnahmen, Brandschutz und mögliche Terroranschläge zurückzuführen.

Die Handläufe der Rolltreppe bewegen sich etwas schneller als die Stufen selbst. Dies verhindert, dass Fahrgäste während der Fahrt einschlafen. Aus dem selben Grund blinken Lichtsignale, wenn Sie sich den Plattformen zum Ein- und Ausstieg an den Rolltreppen nähern.

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