Was verbindet die Kiewer?

Wir alle sind vielseitige Persönlichkeiten, meistens. Aber in einigen Fragen sind wir Kiewer fast immer der gleichen Meinung. Hier eine Liste von Dingen, zu denen Kiewer überwiegend die gleiche Meinung vertreten.

Sie werden dieser Liste widersprechen oder sie toll finden, zumindest aber werden Sie darüber schmunzeln können.

Kiewer hassen Kommunalbehörden

Die Mitarbeiter der Kommunalbehörde sind eigentlich ganz normale Kiewer. Aber sie haben es fertiggebracht, ihrer Arbeit einen künstlerischen Touch zu verleihen. Nämlich der Kunst, uns allen regelmäßig auf die Nerven zu gehen.

„Wir tun alles, um nichts tun zu müssen“

Haben Sie in ihrem Keller einen Rohrbruch? Wir warten ab, bis alle Ratten ertrunken sind, um Geld für das Gift zu sparen.  Sind Sie im Schnee stecken geblieben? Warten Sie einfach ab, bis er geschmolzen ist. Wir brauchen ein paar Jahre um bei Ihnen einen neuen Verbrauchszähler zu installieren? Haben Sie noch etwas Geduld, wir lesen gerade ein Buch über Zeitmanagement. So etwas bringt sogar den gelassensten Phlegmatiker zum Kochen.

Kiewer lachen gerne über den Bürgermeister

Vitali Klitschko ist durchaus nicht der schlechteste Bürgermeister (Erinnern Sie sich noch an Leonid Chernovetskyi?).

Klitschko macht Kiew zweifellos farbenfreudiger. Dank ihm haben die Kiewer noch einen Grund mehr zum Lachen. Seine Worte werden ab und zu richtige Sprichwörter, besonders dann, wenn er sich mal wieder widersprüchlich und zweideutig äußert.

Kiewer leiden unter kognitiver Dissonanz wegen dem Süßwarenkonzern Roshen

Das ukrainische Volk verhält sich skeptisch zu jeder Macht. Insbesondere zu der, die es selbst wählt. Die Abneigung gegen Präsident Poroschenko verbindet beinahe alle Einwohner von Kiew, aber kein einziges Ladenlokal liegt so attraktiv gelegen wie das des Roshen-Ladens. So leben wir halt: tagsüber ärgern wir uns über Poroschenko wie Erwachsene und abends rennen wir wie die Kinder, um seine Pralinen zu kaufen.

Kiewer fahren unvorsichtig

Trotz der wirtschaftlichen Krise und des gesunkenen Lebensstandards besitzen die meisten Kiewer ein eigenes Auto. Und wir fahren oft so, als wären wir unsterblich.

Viele Kiewer Fußgänger sind schon froh, wenn nach einem Spaziergang in der Stadt ihre Knochen heil geblieben sind und selbst in Wohngebieten wird gerne und laut Gas gegeben.

Kiewer meinen, dass es auf dem Markt billiger ist als im Geschäft

Die meisten Kiewer glauben nach wie vor an den Mythos, dass „ein altes Mütterchen weniger einkauft“. Auf dem Markt kann man noch über den Preis verhandeln. In der Realität sind die Preise im Geschäft und Markt aber ungefähr gleich, und wenn man im Geschäft einkauft und ein Super-Sonderangebot findet, ist es dort aber schon billiger. Die Zeit, die man mit Preisverhandlungen verschwendet nicht mitgerechnet. Über den Preis zu verhandeln, ist sicher eine besondere ukrainische Leidenschaft und es gleicht schon fast einer Sportart. Aber im Großen und Ganzen ist das Zeitalter der „günstigen“ Marktpreise mittlerweile vorbei.

Kiewer lieben ihre Altstadt

Viele Kiewer gehen gerne im Zentrum spazieren. Stadtbezirk Podol, Altkiewer Berg, Petschersk — diese Stätten sind für mehrere Generationen mit Erlebnissen von Glück aber auch mit zahlreichen tragischen Ereignissen verbunden. Und selbstverständlich ärgern wir uns, wenn denkmalgeschützte Gebäude von oben bis unten mit Pizzeria-oder Schuhladenschilder behangen sind.

Kiewer ärgern sich über Neubauten

Die höchste Empörung bei Kiewern verursachen normalerweise Neubauten. Dazu kommen die zahlreichen Skandale, über die Vergabe von Grundstücken und Baugenehmigungen.  Man kann das „Theater“ um das neue Theatergebäude im Stadtbezirk Podol schon fast nicht mehr hören. Aber wir werden uns daran gewöhnen. denn wir haben uns auch an das Mutter-Heimat-Denkmal gewöhnt. Wir mochten es anfangs nichts, jetzt lieben es manche sogar. Die Pariser haben sich auch an den Eiffelturm gewöhnt, der von ihnen zuerst abgrundtief gehasst wurde.

Kiewer ärgern sich über alle Kiewer in der U-Bahn

Täglich nutzen fast 2 Millionen Menschen die Kiewer U-Bahn. Aber wir ärgern uns über überfüllte Waggons, darüber, immer und oft herumgeschubst zu werden und über die ewigen Verspätungen.

Wir sollten uns gegenseitig besser respektieren, dann hätten wir auch weniger blaue Flecken.

Kiewer mögen keine Zugezogenen

Kiewer mögen nur Kiewer, und zwar echte Kiewer, zumindest muss man in Kiew geboren sein. Für viele ist es schon eine Tragödie, wenn der Kellner im Lieblingscafé aus Bojarka kommt und jeden Tag zur Arbeit nach Kiew fährt. In New-York wohnen 8 Millionen, und irgendwie vertragen sich alle, Fremde und Alteingesessene. Aber auch wir Kiewer werden das schaffen, eines Tages…

Kiewer mögen Plattenbauten aus der Sowjetzeit nicht

Die meisten Kiewer wohnen in Plattenbauhäusern. Die meisten von ihnen beschweren sich darüber, dass es in diesen Häusern kalt ist, wie verrostet die Leitungen sind, wie schlecht die Schalldämmung ist und so weiter in der Liste der „Millionen Gründe, warum ich die sowjetische Bebauung hasse.“ Aber wenn ein echter Kiewer an Geld für eine neue Wohnung kommt, kauft er bestimmt wieder eine alte, schäbige Plattenbauwohnung, die er eigentlich so hasst. Man kann ihn verstehen, er weiß doch ganz genau, was ihn erwartet.  Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier.

Kiew ist unser großes gemeinsames Haus und es gibt so viele Dinge die uns verbinden, und wenn es nur das fragwürdige Gemeinschaftserlebnis im hoffnungslos überfüllten Linientaxi während der Hauptverkehrszeit ist.